H04 Jesus: Schöpfer, Herrscher, Gott?!
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Engel flitzen, aber der ehrfurchtgebietende Jesus bleibt sitzen – so könnte man den folgenden Bibeltext salopp überschreiben. Jedoch steckt erheblich mehr zum Erkunden drin. Spannend ist, dass der Text primär geschrieben wurde, damit Menschen gute Entscheidungen in schwierigen Lebens-umständen treffen können.
5 Zu welchem Engel hat er denn je ge- sagt: Mein Sohn bist du, heute habe ich dich gezeugt, und an anderer Stelle: Ich werde ihm Vater sein, und er wird mir Sohn sein?
6 Und für die Zeit, da er den Erstgeborenen wieder in die Welt hineinführt, sagt er: Und beugen sollen ihre Knie vor ihm alle Engel Gottes.
7 Von den Engeln heißt es: Der seine Engel zu Winden macht und seine Diener zu feuriger Flamme,
8 zum Sohn aber sagt er: Dein Thron, o Gott, steht von Ewigkeit zu Ewigkeit, und das Zepter des Rechts ist Zepter deines Reichs.
9 Geliebt hast du Gerechtigkeit, und die Missachtung des Gesetzes hast du gehasst; darum,
o Gott, hat dich dein Gott gesalbt mit dem Öl der Freude wie keinen deiner Gefährten.
10 Und: Du, Herr, hast im Anfang die Erde gegründet, und die Himmel sind das Werk deiner Hände.
11 Sie werden alle vergehen, du aber bleibst, veralten werden sie wie ein Kleid,
12 und wie einen Mantel wirst du sie zusammenrollen, wie ein Kleid werden sie gewechselt werden, du aber bleibst derselbe, und deine Jahre nehmen kein Ende.
13 Zu welchem Engel hat er je gesagt: Setz dich zu meiner Rechten, bis ich hingelegt habe deine Feinde als Schemel für deine Füße?
14 Sind sie nicht alle dienende Geister, ausgesandt zum Dienst um derer willen, die das Heil erben werden?
Die Bibel, Brief an die Hebräer 1,5-14 (Übersetzung: Zürcher Bibel 2007)
Dieser ganze Sachverhalt ist für uns transzendent – das bedeutet, er überschreitet die Grenze menschlicher Erfahrungsmöglichkeit. Um seinen Lesern den Gesamtzusammenhang darstellen zu können, zitiert der Schreiber verschiedene Texte des Alten Testamentes. Unter Führung von Gottes Geist bringt er Gottes Selbstoffenbarung aus dem Alten Testament in einen christozentrischen Zusammenhang. [a] Er geht davon aus, dass die alttestamentlichen Texte gut bekannt und als Gottes Wort akzeptiert sind. Beim Nachlesen der Zitate merken wir schnell, dass Gottes Geist uns im Hebräerbrief eine erweiterte Sicht auf Gott ermöglicht, die den historischen Sinnzusammenhang der Zitatquellen übersteigt. Bitte beachten wir, dass hier verschiedene Sinnbilder verwendet werden, um Menschen eine göttliche Wahrheit nahe zu bringen.
Ich möchte einige Impulse aus dem gehaltvollen Text herausarbeiten:
=> Jesus ist wesensgleich mit Gott, dem Vater.
In Vers 5 verpackt der von Gott autorisierte Schreiber wichtige Aussagen in rhetorische, selbsterklärende Fragen: Wir erfahren, dass Jesus und Gott, der Vater, untrennbar miteinander verbunden sind wie Sohn und Vater. Sie haben das gleiche göttliche Wesen wie bei einer unmittelbaren Verwandtschaft ersten Grades. Zeugung und Abstammung sind hier nicht wörtlich zu verstehen; es handelt sich vielmehr um ein Sinnbild zum Verständnis dieses Zusammenhanges.
Darauf aufbauend wird Jesus als gleichberechtigtes Gegenüber von Gott, dem Vater, vorgestellt: In der Antike saß auf der rechten Seite des Herrschers immer der Thronfolger; so wird Jesus in Vers 13 beschrieben. Wie zur Bestätigung, dass Sinnbilder kaum ausreichen um die Dreieinheit Gottes zu beschreiben, sitzt Jesus laut Vers 8 bereits selbst auf dem Thron und regiert. Das Bild wechselt, um uns einen größtmöglichen Einblick in die göttliche Realität zu verschaffen. [b]
Obwohl Engel seine Gefährten sind, wird Jesus in Vers 9 als der Besondere hervorgehoben. Hier wird der Sohn Gottes auch direkt als Gott angesprochen. Seine Liebe zur Gerechtigkeit ist herausragend: Die Leser wissen bereits, dass Jesus durch seine unvorstellbare Erniedrigung die Liebe zu Menschen mit der vollkommenen Gerechtigkeit verband und stellvertretend für unsere Schuld starb.
=> Engel sind hingegen beauftragte Diener des Herrschers Jesus.
In Vers 6 geht es um gravierende Unterschiede in der Hierarchie, aufgrund der Klassifikation: Gott ist Schöpfer, Engel sind Geschöpfe. Wie die Untergebenen in der Antike einen Herrscher knieend würdigten, so erscheint diese Art der Anbetung angemessen für Jesus. In der Gegenwart beten die Engel und die „vollendeten Gerechten“ Jesus an sowie die derzeit lebenden Gläubigen. [c] Erkennbar ist diese Anbetung größtenteils in der für uns unsichtbaren Welt. Wenn Jesus wiederkommt – wenn Gott, der Vater, ihm auch auf der Erde die Herrschaft allumfassend übergibt, dann wird Anbetung im gesamten Universum sichtbar stattfinden. Es erscheint logisch, dass zunächst ein gerechtes Gericht stattfinden muss. [d]
=> Jesus ist der Schöpfer unseres Universums. Er kreiert auch transzendente Himmelswelten.
Da ohne Materie weder Raum noch Zeit existieren, wird in Vers 10 auf den Anfang des Universums verwiesen: Gott erschuf Materie, unsere Zeit beginnt. Spätestens mit dem Sündenfall ist das gesamte Universum dem Tod unterworfen. Das bedeutet, dass nicht nur Menschen und Tiere auf den Tod zu altern, sondern auch Sterne, Planeten und unsere Erde. In Vers 11 wird die Endlichkeit des Universums als Fakt benannt, lange bevor moderne Wissenschaftler Theorien dazu entwickelten. In Vers 12 wird ein Wechsel angedeutet. Die Schöpfung einer neuen Welt wird im biblischen Buch der Offenbarung bestätigt und mit verschiedenen Bildern beschrieben.
Bevor es unser Universum gab, während allen Verfalls, ja auch über die Neuschöpfung hinaus bleibt Jesus als zeitlose Konstante bestehen. Unser persönlicher Gott war vor Beginn und er wird nach dem Ende sein. Er beherrscht die Neuschöpfung
Was bringt das den Lesern dieses Bibeltextes?
Viele Christen waren damals aus ihrer Heimat geflohen oder vertrieben worden wegen ihres Glaubens an Jesus. Sie hatten Sicherheiten und Wohlstand aufgegeben. Würden sie offiziell zum jüdischen Glauben zurückkehren, hätten sie im damaligen Römischen Reich keine Repressalien zu befürchten. Lohnt es sich, für Jesus alles aufzugeben? Lohnt es sich, notfalls sogar sein Leben für Jesus aufs Spiel zu setzen? Um diese Fragen gut beantworten zu können, sollen sie sich mit der erhabenen und zeitübergreifenden Größe von Jesus auseinandersetzen.
Hingegen erleben wir in Deutschland derzeit kaum Nachteile wegen unseres Glaubens. Dennoch ist Gottvertrauen manchmal schwer: Mancher fragt, ob sich die Auseinandersetzung mit Gott lohnt. Kann das überhaupt wahr sein? Andere sind durch verschiedene Lebenssituationen irritiert an Gott: Schwere Krankheiten werfen uns aus der Bahn. Zwischenmenschliche Probleme bedrücken uns. Menschen verletzen uns. Erwartungen erfüllen sich nicht. Hoffnungen zerbrechen und Ziele können nicht erreicht werden.
Jeder muss seine eigenen Hürden bewältigen. Oft bleiben wir mit Verletzungen, mit Trauer, Wut, Frust und Bitterkeit zurück und fragen uns, warum Gott dieses oder jenes zuließ. Lohnt sich Vertrauen auf Jesus?
Bei Jesus dürfen wir unsere Verzweiflung und Enttäuschung zum Ausdruck bringen. Wir können ihm sagen, wenn wir ihn gerade nicht verstehen. Lesen wir danach den gesamten Bibeltext noch einmal. Lassen wir den Sachverhalt in Ruhe auf uns wirken. Jesus möchte unseren Horizont erweitern, damit wir zu tragfähigen Entscheidungen kommen, damit wir zielorientiert weiterlaufen können – trotz allem. Bleiben wir dran!
Tamara Schüppel
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Anmerkungen
[a] Christozentrisch – Christus im Zentrum
[b] Dreieinheit, auch Dreieinigkeit oder Trinität: Gott, der Vater, vertraut dem Sohn Jesus grenzenlos und gibt ihm alle Macht und Freiheit; Gottes Geist wohnt uneingeschränkt in Jesus. Diese unlösbare Zusammen- gehörigkeit nennen Christen Dreieinheit: ein Gott und doch drei Personen.
[c] Vergleiche Hebräer 12,22-24 und Hebräer 13,15
[d] Vergleiche Hebräer 1,13
Alttestamentliche Zitatquellen zum Text Hebräer 1,4-15 (Auswahl)
Hebräer 1,5: Psalm 2,7
Hebräer 1,6: Psalm 97,7
Hebräer 1,7: Psalm 104,4
Hebräer 1,8-9: Psalm 45,7-8
Hebräer 1,10-12: Psalm 102,26-28
Hebräer 1,13: Psalm 110,1



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